Echte Opfer wehren sich… und andere Kackscheiße

[Triggerwarnung: Vergewaltigung, Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung, Rape Culture, gewaltvolle Sprache]

Um es klar zu stellen und um sinnlose Diskussion gleich zu unterbinden: Als Vergewaltigung gilt im folgenden Text jede nicht-konsuelle, penetrative Handlung und als sexueller Missbrauch jede nicht-konsensuelle sexuelle Handlung.
(Das gilt auch für den Rest des Blogs, auch wenn es rechtlich anders aussehen möchte.)

Gestern:
Vormittag: Über einen Tweet komme ich auf diesen Artikel in der Hertener Allgemeinen. Ich lese, bin schockiert, leite den Link weiter. Verdaue.
(Nach)Mittag: Habe den Artikel erstmal vergessen.
später Nachmittag: Ein paar Tweets zum Artikel haben sich bei mir angesammelt.
Abend: Ich wasche ab, Jonas trocknet ab. Plötzlich bricht die blanke Wut aus mir heraus. Auf diese Menschen, die das jetzt einfach so abnicken, was da passiert ist, auf diese Strukturen, die dafür sorgen, dass der Mann nciht hinter Gitter kommt, auf die Richterin und die Staatsanwältin, die diesen Menschen freigesprochen haben. Darauf, dass das Nein einer Frau immer noch nicht ernstgenommen wird, noch nicht mal von einer Richterin und einer Staatsanwältin. Dass diesem Mädchen so vermittelt wurde: Dein Nein ist nichts wert. Darüber, dass es in sexuellen Dingen immer noch okay ist, ein Nein einer Frau einfach zu ignorieren. Über Mario Barth. Über all diese Arschlöcher Menschen, die einem immer noch erzählen, dass Frauen eigentlich „Ja!“ meinen oder „Überzeug mich!“, wenn sie „Nein!“ sagen. Über dieses System, in dem Frauen nicht zughehört wird, vorallem dann nicht, wenn sie etwas sagen, was Männern nicht passen könnte. Ich habe mehr abgewaschen, als ich eigentlich wollte, aber ich bin so wütend, dass es besser ist, diese Wut an dem Dreck auszulassen, als sie einfach in mir weiter gären zu lassen.
Nach dem Abendessen: Rechner ein letztes Mal an, ich scrolle meine Twittertimeline bei Gwibber durch und stoße auf den entsprechenden Post auf dem lawblog. Ich lese. Bin schockiert. Mache den Fehler, die Kommentare zu überfliegen. Jonas liest mit, er hat meinen Wutausbruch live miterlebt, schüttelt bei der gesammelten Kackscheiße bei obigen Artikel und dessen Kommentaren den Kopf und grummelt mit mir. In mir gärt es. Ich kämpfe mit mir und den Bildern und Geräuschfetzen von damals. Ich kenne diese Argumentation, ich habe sie selber schon mal gehört, nicht von einem_einer Richter_in, aber von einem Polizisten.
Nachts: Die Lichter sind aus. Der Schlaf will einfach nicht kommen. Meine Müdigkeit ist wie weggewischt. Meine Gedanken drehen sich um ein und den selben Punkt. Sich wehren sollen. Das ist so falsch. Ich hab doch alles getan, was ich konnte. Ich konnte mich nicht wehren. Ich konnte nicht… Und jetzt wieder diese Leute, diese Menschen, die keine Ahnung haben, die rumposaunen: Die hätt‘ sich wehren sollen. Das war doch bloß Suffsex und dann hat’s ihr danach eben nicht gepasst. Ich drehe mich rum. Warum wird ein Nein nicht einfach mal ernst genommen? Warum wird die Schuld bei dem Mädchen gesucht? Warum wird nicht mit dem Finger auf den Typen gezeigt und angeklagt, dass er das Nein des Mädchens nciht ernst genommen hat? Warum suchen die den Fehler bei dem Mädchen, warum interessiert sich keiner dafür, was der Typ getan hat? Und warum muss das immer wieder passieren? Und was ist das eigentlich für ein Recht, was dem_der Täter_in freie Vefügbarkeit über den Körper eines Menschen gibt, solang dieser nicht zuschlägt und so deutlich macht, dass es ihm_ihr nicht passt? Ich schlafe ein.

Heute:
Morgens: Die Nacht war okay. Keine üblen Träume. Ich bin einigermaßen wach. Ich lege mich nicht noch mal ernsthaft hin, nachdem Jonas das Haus verlassen hat. Innerlich plane ich den Post schon. Ich lege mir bereits Sätze zurecht. Versuche irgendwie mit der Wut und dem miesen Gefühl von Unrecht klarzukommen. Ich hänge Wäsche ab. Das Radio läuft: Die katholische Kirche in Frankreich scheint sehr beunruhigt zu sein, weil die Regierung von Hollande die Ehe und das Adoptionrecht für gleichgeschlechtliche Paare öffnen möchte. Das Civitas Institut hat soeben eine Kampagne dagegen lanciert. Während ich dem Radio lausche und Wäsche wegräume, ordne ich die Statements aus dem Radio ein. Es wird mit den üblichen Klischees, Vorurteilen und falschen Behauptungen gegenüber der LGTBQ-Community gespielt, die mir auch hier in Kreisen von rechtsaußen und leider auch immer wieder in der Mitte und links davon entgegenschlagen. Irgendwie bin ich das mittlerweile seitens der Kirchen gewöhnt. Ich packe meine sieben Sachen und mache mich auf in die Bibliothek.
Bibliothek: Erstmal gucken, ob noch was zu dem Artikel geschrieben wurde. Den sehr treffenden Artikel auf karnele.de habe ich schon gestern Abend gelesen und es hat sich wie Balsam für meine Seele angefühlt. Ich schaue allgemein über die Nachrichten, lese auf meine Twittertimeline, ob gestern Nacht noch was Interessantes passiert ist. Formuliere mein Tagesziel: Post zum Freispruch schreiben. Immer mal wieder Dinge für die Seele lesen. Verdauen.

Ich könnte jetzt zynisch sein und fragen, was an einem Nein so schwer zu verstehen ist, aber Zynismus hilft hier nicht weiter. Diese Frage müsste ich dem Täter stellen, der Richterin und der Staatsanwältin. Jedoch scheint es hier nicht ganz den Punkt zu treffen.
Wir sind hier Zeuge einer uralten Strategie, wo dem Opfer die Schuld in die Schuhe geschoben wird, weil es sich „falsch“ verhalten hat. Weil ein Opfer sich offensichtlich nach diesem Verständnis auf eine ganz bestimmte Art und Weise richtig verhalten muss, damit das Unrecht und die Gewalt, die ihm angetan wurde, auch als solche anerkannt wird. Hast du dich nicht so verhalten? Ätschebätsch! Pech gehabt! Selber schuld! Was musst du auch so daliegen und vor Angst starr sein!
Also gut, gucken wir uns doch noch mal an, was das Mädchen getan hat, um deutlich zu machen, dass ihr die Übergriffigkeit von dem Typen nicht passt. Sie hat „Nein, das will ich nicht“ gesagt. Da hat sie sogar ZWEI Mal deutlich gemacht, dass sie das, was dieser Mensch da mit ihr tut, nicht will. „Nein [das erste Mal], das will ich nicht [das zweite Mal][!]“ Dann hat sie die Vergewaltigung den Sex über sich ergehen lassen. Das liest sich jetzt auch nicht gerade so, als hätte sie den Typen dazu ermutigt weiterzumachen. Sie hat sich nicht körperlich gewehrt. Zumindest nicht aktiv. Aber ein Vergewaltigungsopfer muss sich nach deutschen Recht aktiv wehren. Schockstarre gibt es da nicht und Machtgefälle werden auch nicht berücksichtigt. Auch wenn einge Kommentatoren daruf hinweisen, dass wegschieben schon reichen würde, um als aktiv wehren gedeutet zu werden. Es gibt Situationen, in denen das nicht möglich ist. Zum Beispiel aus Angst vor der Reaktion. In diesem Fall wäre diese Angst berechtigt gewesen, schließlich sitzt der Mann ja „derzeit eine Haftstrafe von über drei Jahren ab, weil er unter anderem eine Bekannte im Streit verprügelt hatte“. Aber sowas gibt es da nicht. Polier ihm die Fresse und geh im Ernstfall dabei drauf, aber wenigstens wird dir dann geglaubt, dass du ein Vergewaltigungsopfer bist. Das ist so in etwa die Nachricht. Überlebensinstinkt? Bah! Echte Opfer schlagen um sich oder rennen weg!

Das Urteil wurde aus der falschen Perpektive gefällt. Es wurde nicht geschaut, was der Täter getan hat, sondern was das Opfer nicht getan hat. Es mag sein, dass, rein rechtlich gesehen, der Vorfall nicht als Vergewaltigung gewertet werden kann, da hinter bestimmten Begriffen ganz bestimmte Konzepte stehen. So würde man als Laie vielleicht meinen, das Mädchen hätte sich in einer schutzlosen Lage befunden, aber der Fakt, dass sie nicht weggetreten war und sie hätte wegrennen können, weil ja keine faktische Berdohung für Leib und Leben bestand (der Typ scheint ihr nicht gedroht zu haben oder ähnliches), reicht offensichtlich um aus einer Lage, die subjektiv sehr wohl als schutzlos empfunden werden kann, eine zu machen, aus der sie sich ganz einfach hätte befreien können. Bedrohung durch physische Präsenz, männliches Dominanzverhalten – und das Ignorieren ihres Widerwillens gehört zu diesen Verhalten- , Wissen um die mögliche gewaltätige Reaktion des Täters, Angststarre, all das wird nicht mit in Betracht gezogen. Vielmehr ergeht sich das Urteil darin, dem Opfer zu erklären, was es falsch gemacht hat.
Es handelt sich um die übliche Laier: Das Opfer hat sich vergewaltigen lassen, nicht der Vergewaltiger hat vergewaltigt. Und es geht noch weiter: Der Mythos „Wenn eine Frau Nein sagt, dann meint sie das nicht so“ wird in diesem Urteil fortgelebt. Denn „Er wusste ja nicht, dass sie das gar nicht wollte“. Aha… Wenn ein Mädchen/eine Frau also sagt „Nein, ich will das nicht“, dann weiß ihr Gegenüber also nicht, dass sie das, was ihr Gegenüber mit ihr anstellt, gar nicht will. Wow! Also bei der Richterin hätte ich gerne mal eine Lektion in Bedeutungslehre, wobei da reicht eigentlich schon ein Blick in den Liedtext eines absolut beschissenen – diese Wertung bezieht auf den Text, die musikalische Qualität kann ich nicht beurteilen, ich habe mir den Titel nicht angehört – Schlagers aus dem Jahr 2000 namens Nein heißt Ja werfen, mehr Bedeutungslehre brauch ich in Sachen Rape Culture nicht. Es mag einige Dinge geben, bei denen es durchaus wichtig ist, zwischen den Zeilen zu lesen, aber ein „Nein“ ist wirklich eindeutig und ein „Nein, ich will das nicht“ ist ebenso kommentarlos zu akzeptieren. Aber wenn wir der Logik dieser Richterin folgen, dann ein einfaches „Nein, ich will das nicht“ kein eindeutiges Signal, sondern, wie es Nele formuliert, es ist „interpretationsfähig“.
Das Mädchen hat also gesagt, dass sie das nicht will und der Mann hat einfach weitergemacht. Der Mann hat davor dafür gesorgt, dass sie allein in der Wohnung sind. Ich kann mir nicht helfen, aber für mich liest sich das nicht so, als er habe sie dann eben mal so angefasst, für mich klingt das geplant. Aber abgesehen davon wie das für mich klingt, hat er in dem Moment, in dem er einfach weitergemacht hat, eine Grenze überschritten und zwar die zwischen konsensuellen und nicht-konsensuellen Sex und damit die Grenze hin zu Vergewaltigung. Aber die Richterin war ja der Meinung, das könne er überhaupt nicht mitbekommen haben. Er habe also gar keine Schuld an der misslichen Lage des Mädchens. Ich kotze im Strahl.

Hier wurde kein Urteil über den Vergewaltiger gefällt sondern über sein Opfer. Hier wurde ein weiteres Mal bewiesen, dass das deutsche Recht von Psychologie recht wenig Ahnung hat und die Rechtsprechenden ebenso wenig und dass ein Vergewaltiger frei über den Körper seines Opfers verfügen kann, auch wenn es seinen Unwillen verbal artikuliert. Denn das Wort eines Opfers, so zeigt es uns dieses Lehrstück, ist im Zweifelsfall nichts wert. Vorallem, wenn es das Wort eines Mädchens bzw. einer Frau ist, denn da heißt Nein ja Ja. Danke für diese Lektion.

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